Datum: 09.06.2004 Bericht aus der Schwäbischen Zeitung - Kulturteil

Porträt: Josef Fleschhut

Der Musik-Missionar

BAD WURZACH - Josef Fleschhut hat zwar wenig freie Zeit, aber er ist ein freier Mensch. Seit 14 Jahren lebt der 61-Jährige auf Teneriffa – jedoch nicht um als Aussteiger seinen Lebensabend am Strand zu verbringen. Der ehemalige Diözesanmusikdirektor und Leiter der Kirchenmusikschule Rottenburg baut dort die Kirchenmusik auf – und zwischendurch konzertiert er in der alten Heimat.

Von unserem Redaktionsmitglied Eva Schatz

Es muss ein radikaler Bruch gewesen sein. Viele hätten ihn damals nicht verstanden, schildert Josef Fleschhut. Warum sollte ein Mann den Posten als Chef der Kirchenmusik einer Diözese mit 1100 Pfarreien aufgeben, um auf eine kanarische Insel auszuwandern, wo der Sonntagsgottesdienst mangels Orgel mit Gitarren begleitet wird?

Seine Arbeit hatte Fleschhut schließlich mit Leidenschaft zehn Jahre lang getan. Auch die 16-Stunden-Tage durch seinen Doppel-Beruf machten ihm nichts aus. Zudem unterstützte ihn das Domkapitel, „und ich habe einen sehr großzügigen Etat gehabt“. Ideale Bedingungen – nur zum Orgelspielen kam er kaum. „Beim Kapitelgottesdienst morgens um sieben oder bei Mai-Andachten konnte ich als Aushilfe spielen.“

In vielen Berufen daheim

Nach zehn Jahren Schreibtischarbeit wollte sich Josef Fleschhut wieder ganz der Kirchenmusik zuwenden. Schon als Kind hatte ihn beim Gottesdienst am meisten die Musik fasziniert. „Bei aller Andacht waren meine Ohren eher hinten bei der Orgel als vorne beim Altar“, gesteht der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt und lacht spitzbübisch. Als Achtjähriger bestürmte er seine Eltern, ein Klavier zu kaufen. Eine große Investition, und „so kurz nach dem Krieg hat mein Vater darin keine Zukunft gesehen“. Als einziger Junge von fünf Kindern sollte Josef Fleschhut die Autowerkstatt seines Vaters übernehmen, „aber das fand ich katastrophal“. Lieber verbrachte er jede freie Minute auf der Empore.

Immer öfter durfte der Schuljunge die Organistin vertreten – nach nur einem Jahr Klavierunterricht. Die Kirchenlieder probierte er so lange auf seinem Klavier aus, bis die Akkorde stimmten. Sein Talent war offensichtlich: „Der Pfarrer und der Lehrer haben dann beschlossen, dass ich aufs Gymnasium muss.“ Aber an ein Musikstudium war aus finanziellen Gründen nicht zu denken.

Ein Brotberuf musste her, Josef Fleschhut begann als Schriftsetzer bei der Memminger Zeitung. Es sollte nicht der letzte Abstecher auf seinem Berufsweg sein. Schließlich machte er eine weitere Ausbildung als Kämmerer in Legau – denn die Gemeinde engagierte ihn gleichzeitig als Chorleiter. „Das Rathaus war der Nebenjob, der Chor war die Hauptsache“, gesteht Josef Fleschhut freimütig.

Die große Wende kam erst mit 32 Jahren: Ein Professor der Münchner Hochschule für Musik hörte ihn spielen und überredete ihn, die Aufnahmeprüfung an der Hochschule zu machen. Jetzt konnte sich Josef Fleschhut seinen Traum vom Musikstudium erfüllen – indem er bei der Memminger Zeitung jobbte und abends Tanzmusik machte. Nach seinem Staatsexamen arbeitete er als Kirchenmusiker und Chorleiter in Memmingen, Bad Wurzach sowie Leutkirch und gestaltete über lange Jahre hinweg landauf, landab angesehene Konzertreihen. „Da war ich sehr glücklich“, sagt er rückblickend.

Tübinger Orgel für die Insel

Nach zehn Jahren im Dienst der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist er auf Teneriffa wieder sein eigener Herr. Mehr Freizeit hat dieser Musik-Missionar aber nicht. Schließlich musste Josef Fleschhut erst eine Orgel für seine Gemeinde Los Cristianos organisieren. Und obwohl man in der Diözese über seinen Weggang nicht gerade erfreut war, habe man ihn dann doch finanziell unterstützt. Seit 1992 hat Los Cristianos eine elektronische Orgel. Durch ein zinsloses Darlehen der Diözese und Spendenkonzerte konnte Fleschhut 1994 eine ausrangierte Orgel der Gemeinde Tübingen kaufen. Damit besitzt die Gemeinde El Médano die größte spielbare Pfeifenorgel der Kanaren. Neben seiner Arbeit als Organist unterrichtet Josef Fleschhut bis zu 42 Orgelschüler. Für Hobbies bleibt da keine Zeit. „Ich denke dann immer, in der Zeit könntest Du ja auch üben.“

Datum: 09.06.2004